"Du bist aber auch ganz schön schmal geworden. Du warst doch früher immer die kräftige Phie." Er hätte auch gleich sagen können: "Du warst früher doch immer die hässliche Phie." Ich trank gestern zwei Bier, aber Spaß kam irgendwie nicht auf. Die Stimmung war komisch. Beide Freunde waren zugedröhnt. Ich fragte mich ob ich auch mal so fertig war. Meine Stimmung sackte ab. Irgendwie schaffte ich gerade noch rechtzeitig den Absprung.
Heute morgen nach dem Aufwachen führte mein erster Weg auf die Waage. Ich konnte mich fast nicht mehr bremsen vor überschäumender Freude. Ich habe es vermisst morgens direkt nach dem Aufstehen schon auf die Waage steigen zu können. In der Einrichtung sagte ich: "Ich will weggehen und da ist es praktischer, wenn ich Zuhause übernachte." Eigentlich ist der einzige Grund warum ich nach Hause fahre die Waage. Morgens direkt nach dem Aufstehen, Mittags, Abends und noch ein paar mal zwischendrin. Die Waage liebt mich. Es ist eine falsche Liebe, aber es ist Liebe. Jedesmal, wenn ich sie hervorziehe, sagt sie mir, dass ich schöner geworden bin. Ich würde sie am liebsten mitnehmen und in meinem Zimmer verstecken. Sie umarmt mich in der Einsamkeit, trocknet meine Tränen und ist ehrlich.
Es ist falsch das alles zu denken. Es ist falsch den Körper an den Rand seiner Kräfte zu bringen. Alles ist falsch. Die Betreuerin sagte: "Was wäre denn, wenn sie Abends einen Apfel essen würden?" "Das geht nicht. Es ist egal wie viel kcal etwas hat. Es zählt einzig und alleine, dass es Nahrung ist." Wir diskutieren weiter. Sie versteht nicht, dass es nicht geht. Sie spürt vermutlich auch nicht den Ekel in mir. Sie sieht mich nicht, wenn ich abends in die Küche gehe und in Tränen ausbreche, weil ich gerne etwas essen würde, aber eine kleine Stimme mir den Hunger kaputt macht. Sie merkt nicht, dass ich nach jedem Essen Zähne putzen gehen muss um den ekelhaften Geschmack im Mund loszuwerden.
"Wir können ihnen nicht helfen. Eine Klinik würde sie jetzt sowieso noch nicht aufnehmen. Sie sind noch nicht dünn genug." Den letzten Satz sagt mir der kleine Teufel in meinem Kopf auch immer.

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