Donnerstag, 22. März 2018

Ich sitze auf dem Sofa, umklammere meine Beine. Ich müsste mich waschen, anziehen, auf die Arbeit fahren. Mein Magen verkrampft sich bei dem Gedanken, ich ziehe die Decke noch ein bisschen weiter nach oben. In mir ist eine Mischung aus Unsicherheit, Angst und Hunger.

Samstag, 17. Februar 2018

Ich rutsche nervös auf dem Stuhl hin und her. 'Für das, was sie erlebt haben, sind sie wirklich noch sehr fit.' Ich bin mir nicht sicher, ob sie lügt oder blind ist. Sie weiß aber auch nicht, dass ich nach dem Termin nicht schlafen kann, weil mir tausend Gedanken durch den Kopf gehen. Weil die Bilder einfach nicht aufhören. Ich hoffe, dass das Gespräch bald vorbei ist, ich einfach weglaufen kann. So lange laufen, bis ich seine Hände nicht mehr spüre, seinen Atem nicht mehr höre, sein Gesicht nicht mehr sehe. Ich will alles vergessen. Es soll nicht mehr in mir sein. Es wird aber immer da sein, nur ich werde irgendwann nicht mehr da sein.

Sonntag, 4. Februar 2018

Ich stehe an den Bahngleisen, warte auf den Zug. Eine Träne nach der anderen läuft mir über das Gesicht. Ich bin froh, dass ich alleine bin. In meinem Kopf springe ich vor den nächsten Zug, schmeiße mich von einer Brücke, schlucke Tabletten, hänge mich auf, schneide mir die Pulsadern auf. Bei jedem Schritt muss ich mir bewusst machen, dass ich besser, stärker, größer sein will, als diese Sehnsucht. Wie abhängig klammere ich mich an das letzte bisschen Licht. Es ist so fürchterlich jeden Tag die selben Bilder zu sehen, die selben Emotionen zu durchleben, die selbe Angst zu spüren. Dieses Leben ist Müll, aber es ist auch das einzige, dass ich habe.

Freitag, 26. Januar 2018

Ich ziehe meinen Helm an, nehme den Schlüssel, gehe in den Keller. Es ist dunkel, ich blicke mich nervös um, hole das Fahrrad aus dem Ständer, schiebe es zur Tür. Meine Lust auf das Treffen wird von Sekunde zu Sekunde geringer. Fremde Menschen in einer engen Kneipe sind genau das was ich jetzt nicht brauchen kann.
Ich fahre so schnell, dass ich nach zehn Minuten schon da bin. Die Anderen warten davor. Ich versuche so wenig Nähe wie möglich bei der Begrüßung aufzubauen. Wir gehen rein, es werden irgendwelche Dinge besprochen. Ich halte mich zurück, sehe nur die Bilder, die schon so lange ständig da sind. Ein Mädchen sitzt neben mir, das ich ein bisschen mag. Sie tippt mich an. 'Darf ich mal schnell vorbei?' Mir wird erst jetzt bewusst, dass ich überhaupt noch hier bin. Ich bin froh, als endlich alle nach Hause wollen.
Das Mädchen und ich haben den selben Weg. Wir fahren also gemeinsam zurück. Ich würde gerne cool sein, sie beeindrucken. Wann war ich überhaupt das letzte Mal entspannt? 'Ich finde es schade, dass dir das passiert ist.' Was habe ich erzählt? 'Ich kann verstehen, dass du total durch den Wind bist.' 'Ich bin es ja gewohnt.' 'Bist du in Therapie?' 'Nein. Ich weiß alles, was ich brauche um mir gut genug selber zu helfen. Ich brauche nur Zeit.' Manchmal, wenn ich nicht weine, dissoziere oder Panik habe, glaube ich daran sogar. Wenn ich aber das Knurren in meinem leeren Magen höre, die Narben auf meiner Haut sehe, das schmerzende Brennen im Kopf spüre, dann weiß ich wieder, dass Zeit nicht alle Wunden heilt.

Am nächsten Morgen wache ich früh auf, weil mein Telefon vibriert. 'Es tut mir fürchterlich Leid. Mir ist aufgefallen, dass ich dich gestern auch angefasst habe ohne zu fragen.' Ich stehe ruckartig auf, falle dabei fast aus dem Bett. Ich tippe die Antwort so schnell ich kann: 'Das ist kein Problem. Dich mag ich und ich vertraue dir.' Es ist erst das zweite Mal in meinem Leben, dass jemand meine Grenzen gespürt hat. Vielleicht wird es ja doch irgendwann wieder gut.

Mittwoch, 17. Januar 2018

Ich sitze unentschlossen auf dem Bett. Vor mir meine Schuhe. Ich will mich eigentlich anziehen, will rausgehen bis mir die Finger blau werden. Stattdessen bin ich hier und habe Angst vor der Welt. Nach dreißig Minuten bin ich endlich fertig, nehme meine Kopfhörer, drehe die Musik auf, laufe los. Ich gehe den selben Weg wie immer. Die Straße vor, den Berg runter, links durchs Tor, einmal um die Stadt. Es fängt an zu schneien, ich ziehe die Kapuze tiefer ins Gesicht. An der selben Stelle wie immer mache ich eine Pause, drehe mir eine Zigarette. Meine Hände sind inzwischen so kalt und steif, dass ich das Papier kaum aus der Packung bekomme. Sie bewegen sich in Zeitlupe, wie die Bilder in meinem Kopf. Ich bilde mir ein seinen Atem zu hören, spüre ihn direkt neben mir. Nach zwei Zügen ist er verschwunden.
Als alles Nikotin aus dem Tabak in meiner Lunge steckt, laufe ich weiter. Ich höre eine Gruppe Jugendlicher, mache einen Umweg. Sie lachen über irgendwelche Ausländerwitze. Vor ein paar Wochen wäre ich ihnen hinterhergelaufen, hätte sie gefragt, warum sie so dumm sind. Jetzt bleibe ich lieber still und hoffe, dass mich niemand sieht.
Eine Stunde später bin ich wieder Zuhause, gehe direkt in die Küche zur Kaffeemaschine. Ich kann die Kanne kaum halten, weil mir meine Finger so wehtun. Ich bin froh, als ich endlich alles in der Maschine untergebracht habe und lege meine Hände auf die Heizung. Sie fangen an zu kribbeln, ich fange an zu zittern. Ich rede mir ein, dass mich jede Minute draußen ein Stück näher in die wirkliche Welt zurückholt. Ich tue so, als wäre ich nicht längst zu weit weg. Ich erinnere mich an unzählige Artikel. 'Bewegen gegen schlechte Gedanken', 'Sport hat mein Leben gerettet', 'Ich habe mein Burn-Out weggejoggt'. Ich könnte auch Artikel schreiben. 'Wenn Nähe nie wieder schön ist', 'Gewalt und Missbrauch verbrennt auch Kalorien', 'Wie ich meinen Körper spürte und dissoziierte'.

Neben mir auf dem Sofa liegt meint Handy. Es vibriert. Ich fühle mich unwohl. Ungeliebt. Unwirklich. Auf dem Display blinkt irgendeine Nachricht auf von irgendeiner App, die ich irgendwann installiert habe. Ich lese sie um mich selber zu beruhigen. Es sind nicht viele mit mir im selben Raum. Die meisten kenne ich oder vielleicht auch nicht. So wie ich mich kenne oder vielleicht auch nicht. Ich bin froh, dass niemand versucht mit mir zu reden. Meine Angst ist auch so schon groß genug. Ich würde am liebsten gehen, aber es ist dunkel draußen und ich bin mir nicht sicher ob ich die zweihundert Meter zum Auto ohne Panikattacke schaffe. Mein Kopf ist so leer und gleichzeitig so voll, dass ich nicht weiß ob ich überhaupt noch lebe oder schon angefangen habe zu sterben. 'Was war mit dir los?' Sie schaut mich an, also erwartet sie vermutlich eine Antwort von mir. Ich drehe Worte hin und her, überlege viel zu lange für diese einfache Antwort. 'Ich war ziemlich betrunken, da können die Pferde mit mir durchgehen.' Es ist gelogen, aber das ist nicht wichtig. Sie ist mir nicht wichtig. Niemand hier ist mir wichtig. Ich selber bin mir nicht wichtig. Aufstehen, atmen, schlafen, aufstehen, atmen, schlafen, aufstehen, atmen, schlafen. Genug um nicht tot umzufallen. Genug um die Anderen nicht gewinnen zu lassen.

Samstag, 13. Januar 2018

Ich kratze meinen Oberschenkel blutig, starre auf einen Punkt vor mir auf dem Boden. Die Tür öffnet sich, ich zucke zusammen. 'Wieso sind Sie schon wieder da?' 'Das selbe wie letzte Woche.'
Auf seinem Bildschirm muss etwas wichtiges stehen oder er muss besonders schlecht lesen können. 'Ok. Bitte sprechen Sie dann nächste Woche nochmal mit dem normalen Hausarzt.' Er springt von seinem Stuhl auf. Soll ich ihm hinterhergehen? Ich entscheide mich dagegen. Ich höre ihn am Empfang flüstern. Hat er die Polizei gerufen? Vorsichtshalber binde ich meine Schuhe fester zu. Ich will bereit sein loszulaufen. Er kommt zurück, gibt mir den gelben Zettel in die Hand. 'Nur nicht aufgeben. Es kommen wieder hellere Tage.' Diesen Satz höre ich heute zum dritten Mal. Genau wie gestern, vorgestern, vorvorgestern und dem Tag davor. Es ist als würde man einem kleinen Kind erklären, dass die weggelaufe Katze schon bald wieder Zuhause ist. Ich schaue ihm nicht in die Augen. Seine Worte sind leere Hüllen. Eine Katze kommt zurück oder eben auch nicht.