Sonntag, 10. Juni 2018

'Sagst du mir, wenn du nach Hause fährst?' 'Ja.' Sie sieht mich mit einem verächtlichem Blick an. Ich merke, dass sie keine Lust hat mit mir gemeinsam zu gehen.
Ich würde sie am liebsten anschreien. Ihr mitten ins Gesicht schreien, dass es nicht um sie geht. Es geht nie um sie.
'Dann lass uns gehen.'
Ich packe meinen Sachen, ziehe den Rucksack auf. Sie zieht ihre Kopfhörer auf. Sie will mich nicht hören. Sie will mich nicht sehen. Sie will nicht an mich denken.
Und ich habe wieder nur die Bilder in meinem Kopf und die Hände auf meinem Körper.

Dienstag, 29. Mai 2018

'Und was willst du im Moment?' Ich sage nichts. Wir schweigen. 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. Ich halte die Stille nicht aus, fange an etwas zu sagen, dass sie verletzten wird. 'Ich weiß, dass ich nie wieder jemand an meiner Seite haben werde. Ich werde keine Kinder haben, ich werde keinen Sex mehr haben. Selbst wenn die perfekte Frau kommt, schicke ich sie weg. Es gibt keinen Platz in meinem Herzen für irgendjemanden.' Sie sieht mir in die Augen. Ich schaue mit kaltem Blick zurück.
Sie überfordert mich, so wie mich das Leben überfordert. Ich würde sie gerne festhalten, küssen, heiraten, mit ihr weglaufen, alles hinter mir lassen. Stattdessen stoße ich sie weg, weil er immer auf meiner Schulter sitzt, weil sie immer auf meiner Schulter sitzt, weil die Angst immer auf meiner Schulter sitzt.

Samstag, 26. Mai 2018

Sie schiebt ihr Rad, läuft direkt neben mir. Ich traue mich nicht anzusehen. Wir unterhalten uns über irgendwas. Es ist mir eigentlich egal was sie redet, solange sie redet. Ich höre ihr gerne zu, weil es ihr gut tut. Ich flirte gerne mit ihr, weil es ihr gut tut. Ich halte sie gerne im Arm, weil es ihr gut tut. Nur mir tut es nicht gut.

Donnerstag, 22. März 2018

Ich sitze auf dem Sofa, umklammere meine Beine. Ich müsste mich waschen, anziehen, auf die Arbeit fahren. Mein Magen verkrampft sich bei dem Gedanken, ich ziehe die Decke noch ein bisschen weiter nach oben. In mir ist eine Mischung aus Unsicherheit, Angst und Hunger.

Samstag, 17. Februar 2018

Ich rutsche nervös auf dem Stuhl hin und her. 'Für das, was sie erlebt haben, sind sie wirklich noch sehr fit.' Ich bin mir nicht sicher, ob sie lügt oder blind ist. Sie weiß aber auch nicht, dass ich nach dem Termin nicht schlafen kann, weil mir tausend Gedanken durch den Kopf gehen. Weil die Bilder einfach nicht aufhören. Ich hoffe, dass das Gespräch bald vorbei ist, ich einfach weglaufen kann. So lange laufen, bis ich seine Hände nicht mehr spüre, seinen Atem nicht mehr höre, sein Gesicht nicht mehr sehe. Ich will alles vergessen. Es soll nicht mehr in mir sein. Es wird aber immer da sein, nur ich werde irgendwann nicht mehr da sein.

Sonntag, 4. Februar 2018

Ich stehe an den Bahngleisen, warte auf den Zug. Eine Träne nach der anderen läuft mir über das Gesicht. Ich bin froh, dass ich alleine bin. In meinem Kopf springe ich vor den nächsten Zug, schmeiße mich von einer Brücke, schlucke Tabletten, hänge mich auf, schneide mir die Pulsadern auf. Bei jedem Schritt muss ich mir bewusst machen, dass ich besser, stärker, größer sein will, als diese Sehnsucht. Wie abhängig klammere ich mich an das letzte bisschen Licht. Es ist so fürchterlich jeden Tag die selben Bilder zu sehen, die selben Emotionen zu durchleben, die selbe Angst zu spüren. Dieses Leben ist Müll, aber es ist auch das einzige, dass ich habe.

Freitag, 26. Januar 2018

Ich ziehe meinen Helm an, nehme den Schlüssel, gehe in den Keller. Es ist dunkel, ich blicke mich nervös um, hole das Fahrrad aus dem Ständer, schiebe es zur Tür. Meine Lust auf das Treffen wird von Sekunde zu Sekunde geringer. Fremde Menschen in einer engen Kneipe sind genau das was ich jetzt nicht brauchen kann.
Ich fahre so schnell, dass ich nach zehn Minuten schon da bin. Die Anderen warten davor. Ich versuche so wenig Nähe wie möglich bei der Begrüßung aufzubauen. Wir gehen rein, es werden irgendwelche Dinge besprochen. Ich halte mich zurück, sehe nur die Bilder, die schon so lange ständig da sind. Ein Mädchen sitzt neben mir, das ich ein bisschen mag. Sie tippt mich an. 'Darf ich mal schnell vorbei?' Mir wird erst jetzt bewusst, dass ich überhaupt noch hier bin. Ich bin froh, als endlich alle nach Hause wollen.
Das Mädchen und ich haben den selben Weg. Wir fahren also gemeinsam zurück. Ich würde gerne cool sein, sie beeindrucken. Wann war ich überhaupt das letzte Mal entspannt? 'Ich finde es schade, dass dir das passiert ist.' Was habe ich erzählt? 'Ich kann verstehen, dass du total durch den Wind bist.' 'Ich bin es ja gewohnt.' 'Bist du in Therapie?' 'Nein. Ich weiß alles, was ich brauche um mir gut genug selber zu helfen. Ich brauche nur Zeit.' Manchmal, wenn ich nicht weine, dissoziere oder Panik habe, glaube ich daran sogar. Wenn ich aber das Knurren in meinem leeren Magen höre, die Narben auf meiner Haut sehe, das schmerzende Brennen im Kopf spüre, dann weiß ich wieder, dass Zeit nicht alle Wunden heilt.

Am nächsten Morgen wache ich früh auf, weil mein Telefon vibriert. 'Es tut mir fürchterlich Leid. Mir ist aufgefallen, dass ich dich gestern auch angefasst habe ohne zu fragen.' Ich stehe ruckartig auf, falle dabei fast aus dem Bett. Ich tippe die Antwort so schnell ich kann: 'Das ist kein Problem. Dich mag ich und ich vertraue dir.' Es ist erst das zweite Mal in meinem Leben, dass jemand meine Grenzen gespürt hat. Vielleicht wird es ja doch irgendwann wieder gut.