Donnerstag, 22. Dezember 2011

Mein erster Weg führt ins Bad. Wohin auch sonst. Erster Fuss. Zweiter Fuss. Waschbecken loslassen. Die Balken auf der Anzeige haben sich richtig ausgerichtet. Ich lächle. Ich ziehe mich an, fahre zum Arzt. Bluttest. Während ich im Besprechungszimmer sitze, klammere ich mich am Stuhl fest. Mir ist schwindlig. Der Boden wankt. Das Blut, dass die Ärztin mir aus dem Körper saugt, ist pechschwarz. Ich erschrecke kurz. Als ich in der Wohngruppe ankomme sitzen alle noch beim Frühstück. Die Leiterin sagt: "Ich dachte schon sie hätten verschlafen." Verwirrt sehe ich sie an. "Ich wollte ihnen schon eine Abmahnung geben." Ich verstehe gar nichts. Das Frühstück verschwindet in meinem schmerzenden Magen. Die Leiterin erzählt irgendwelche Dinge, die meine Ohren zum klingeln bringen. Sie fragt zehnmal nach ob ich auch wirklich beim Arzt war. Wiedermal breche ich fast in Tränen aus. Ein Mitbewohner sagt mir, dass die Leiterin den Grund für die Gruppenstimmung in mir sieht. Meine Gefühlswelt überrollt mich. Einsamkeit. Im Kopf packe ich meine Sachen. Ich sehe mich selber wie ich den PC abbaue. Keine Kraft mehr.
Der Vormittag schleicht dahin. Um 13 Uhr gehe ich in die Stressbewältigungsgruppe unten in der Klinik. Bei der Einstiegsrunde bricht alles wie ein Schwall aus mir heraus. Die Therapeutin sieht mich betroffen an. Vielleicht versteht sie meine Schmerzen. Vielleicht tut sie nur so. Mir wird wieder schwindlig. Ich kann mich gerade noch so auf dem Stuhl halten.
Um 16 Uhr ist Stabilisierungsgruppe. Mein Herz rast. Ich habe Angst. Angst vor Isolation, vor Einsamkeit, vor dem Scheitern. Die Leiterin macht mir Vorwürfe. Sie stellt mich an den Pranger. Niemand steigt darauf ein. Sie bekommt Gegenwind aus der Gruppe. Sie wird laut, aggressiv, versucht verzweifelt mich emotional in die Ecke zu stellen. Niemand steigt darauf ein. Alle sagen ihr, dass sie das Problem ist. Alle sagen, dass eine regelrechte Panik vor ihr herrscht. Sie versucht zu manipulieren. Sie steht auf verlorenem Posten. Ich lasse alles raus. Alles. Meine Argumente sind klar. Ich zerstöre mit ruhiger, aber bestimmter, Stimme jeden ihrer unlogischen Gedanken. Irgendwann wechselt sie das Thema, weil sie keine Chance hat die anderen und mich zu unterwerfen. Ich gehe wieder zurück zum alten Thema. Ich zwinge sie hinzusehen. Ich merke wie sie taumelt. Sie ist angezählt. In diesem Moment zumindest. Am Schluss der Gruppe fragt sie jeden von uns ob er glaube, dass dieser Konflikt zu lösen sei. Kopfschütteln. Ich triumphiere ein letztes Mal an diesem Tag. Ich sage: "Der Konflikt ist nicht zu lösen, weil sie ganz massiv arrogant und ignorant sind." Der Satz trifft sie mitten ins Herz. Er trifft sie tief in ihrer Seele.
Ich gehe rauchen. Unterhalte mich mit den anderen. Meine Mitbewohner bringen mich zum Lächeln. Eine sagt: "Du warst beeindruckend." Sie sagt: "Als die Leiterin dich letzte Woche angebrüllt hat am Frühstückstisch war es total unglaublich, dass du so wahnsinnig ruhig geblieben bist." Jetzt fühle ich mich gut. Unfassbar gut. 

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