Freitag, 16. Dezember 2011

Ich sitze am Frühstückstisch. Mir ist schlecht. Ich halte mir die Hand vor den Mund, weil ich mich fast übergeben muss. Die Betreuerin sagt: "Essen sie doch mal was." "Mir ist doch so schlecht." Ein Mitbewohner sagt: "Iss doch." "Aber mir ist doch so schlecht." Eine andere Mitbewohnerin sagt: "Das ist doch auch kein Wunder, wenn du nie etwas isst." Der Satz trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich habe gekämpft diese Woche. Um jeden Bissen habe ich gekämpft. Ich habe den schmerzenden Magen ertragen, den Ekel, den Druck. Ich würde ihr am liebsten das Gesicht zerkratzen. Tränen steigen mir schon wieder in die Augen.
Ich putze die Küche. Die Zeit reicht nicht aus um auch noch durchzuwischen vor der nächsten Therapie. Ich gehe zur Betreuerin und sage ihr: "Ich wische den Boden nach dem Essen. Ich schaffe das jetzt zeitlich einfach nicht." Sie fängt an mit mir zu diskutieren. Ich bettle sie fast an. Sie gibt nicht nach. Gerade noch rechtzeitig komme ich zur Therapie. Ich erzähle was schön und was nicht schön war diese Woche. Ohne Vorwarnung entbrennt eine Diskussion. Dinge werden mir an den Kopf geworfen. Krankheitseinsicht. Nichts Essen. Klinik. Bluttest. Ich versuche mich zu wehren. Die beiden Betreuer steigen mit ein in die Vorwurfsrunde. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wie vom Blitz getroffen sitze ich da. Dass ich wochenlang gebeten habe mir doch zu helfen, scheint wohl in Vergessenheit geraten zu sein. Die Bewohner und die Betreuer sagen genau die Dinge, die ich immer sagte. Verkehrte Welt. Verrückte Welt.

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